tieftraurig

Es gibt selten ein trauriges Thema hier im Blog und doch gäbe es den Blog ohne dieses bestimmte, für mich traurige Thema gar nicht. Und das hat nichts mit persönlichen Verlusten zu tun, über die ich hier (noch) nicht schreiben will, sondern mit einem beruflichen Verlust. Dem Verlust einer Landesgartenschau.

Als Pressetante eines Oberbürgermeisters einer Kleinstadt eines ostdeutschen Freistaates dürfte man eigentlich alle Illusionen verloren haben. Hatte ich am Anfang meiner Tätigkeit als Pressetante aber nicht. Nein, ich glaubte daran, dass alle Bürger am gleichen Strang ziehen, um etwas Gutes für ihre Heimatstadt zu erreichen und ich glaubte daran, dass der Freistaat etwas Gutes für sich erreichen möchte. Ein schmuckes Aushängeschild, eine Landesgartenschau, wie es sie im Freistaat noch nie gegeben hatte.

Der erste Anruf beim Geschäftsführer der Landesgartenschaugesellschaften (diese wird für jede Stadt immer wieder neu gegründet, der Geschäftsführer – ein echt netter Typ übrigens – wechselt immer mit) ließ Gutes erahnen. Er war interessiert, wollte in meine Heimatstadt kommen und sich mal die Gegebenheiten anschauen. Natürlich nur zur Vorinformation, denn die öffentliche Ausschreibung war noch nicht öffentlich und es darf ja niemand bevorteilt werden. Er kam auch und sah wohl sogar schon die Möglichkeiten, die sich in meiner Heimatstadt aufgetan hatten. Was dann in den Folgemonaten passierte, ist vielleicht bei mir immer noch nicht angekommen. Es war ein Strudel an Geschehnissen, an Menschentreffen, Ideen, Parteiinteressen, Blumenträumen.

Nach der öffentlichen Ausschreibung folgte die Erarbeitung der Bewerbung, wir gründeten einen Verein, Unterstützer wurden angeschrieben, die Lokalpresse veröffentlichte regelmäßig feurige Pro-LaGa-Zeilen diverser prominenter und halbprominenter Bürger und Ex-Bürger. Es gab Malwettbewerbe, Luftballonaktionen, einen Lauf durch das Wettbewerbsgelände, eine Facebook- und eine Xing-Gruppe, natürlich eine Internetseite. Die Einwohner meiner Heimatstadt übertrafen sich selber in der freudigen Erwartung dieses Großereignisses, was unserer Stadt nicht nur Hunderttausende Touristen bescheren sollte, sondern auch die Wirtschaft beflügeln und uns alle glücklich machen sollte. Denn eigentlich sind wir (ja, auch ich) eher für Skeptizismus und Jammerei bekannt. In der Bewerbungsphase war das anders. Wir waren beflügelt, wie berauscht und vor allem wollten wir etwas gemeinsam erreichen.

Ein paar Gegner gab es, sogar bei uns im (Rat)Haus und sogar auf meinem Flur. Die notwendigen Abstimmungen im Stadtrat waren aber alle einstimmig! Und das ist wichtig. Dachten wir. Einige der Kämpfe hinter den Kulissen haben trotzdem Nerven gekostet und klingen teilweise bis heute nach. Bei manchen Kollegen erwarten mich immer schele Blicke, wenn ich heute noch sage „Ich war für diese LaGa!“
Unser kleines Team, das im Kern damals als Motor der Bewerbung fungierte, hat zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Natürlich gab es die vielen, vielen Helfer, ob es nun im Bauamt war oder oder oder… Aber wir drei sind durch diese aufregenden Monate für immer verbunden und denken manchmal wehmütig zurück „Weißt Du noch, damals…?“

Stets haben wir in der Bewerbungsphase nach den anderen Mitbewerbern geschaut, haben vermeintliche Schwächen eruiert, vermeintliche Stärken beneidet. ‚Oh, der hat sogar eine Broschüre aufgelegt‘, ‚Die haben einen A-prominenten Unterstützer‘ usw.
Eine Stärke war unsere Schwäche – uns fehlte eine Brache! Unglaublich aber wahr: Im Jahr 20 nach der Wende suchte der Freistaat für die LaGa 2015 immer noch einen Standort mit Industriebrache. Und das sollte uns das Genick brechen, dass unsere Stadt so gut in Schuss ist und keine Brache hat? Den Gedanken haben wir öfter verdrängt.

Die Episode, als wir im Ministerium der Landeshauptstadt die Bewerbung abgeben wollten und gefragt wurden, wo die Bewerbung in digitaler Form, also die CD-Rom sei, gäbe Stoff für einen eigenen Post. Mit feuerrotem Gesicht sagte ich „Äh, die kriegen Sie dann natürlich nachher auch noch“. Es war der Tag des Abgabeschlusses und unsere Kleinstadt liegt am anderen Zipfel des Freistaates. In den ganzen Monaten hatten wir alle hundertmal die Ausschreibung gelesen, bis auf diesen einen Satz.
Naja, es hat geklappt. Zumindest mit der Abgabe.

Nach monatelangem Warten war der Tag der Verkündung gekommen. Ich erfuhr es durch eine freudig aufgeregte Mitarbeiterin. Eine, die der LaGa nicht wohlgesonnen war. „Hast Du gehört? Oelsnitz ist es geworden.“ Oelsnitz. Scheiße. Oelsnitz? Was hatten denn die… Was?… Wofür?… Weshalb?… Die haben ja – nicht – mal – ne – Website. Schnappatmung. SchluchzenHeulenFlennen. Sektflascheaustrinken. Fuck. Oelsnitz hatte 20 Jahre nach der Wende noch eine Industriebrache, einen alten Verladebahnhof. Dass die Stadt im Erzgebirge liegt, aus dem etliche der Kabinettsmitglieder stammen – Haken dran. Wir hatten den zweiten Platz errungen und per Pressemeldung stolz gemeldet „Wir werfen die Harke nicht hin!“ Insgeheim fühlten wir uns, als wären wir gegen eine Harke gelaufen!!!
Vor ein paar Tagen habe ich im Fernsehen gesehen, wie ein paar Menschen in Oelsnitz über die Gleise im künftigen LaGa-Gelände stiefelten. Ich habe gleich weggeschalten. Tieftraurig.

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