Fassade mit Fragen

In der letzten Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „brand eins“stieß ich auf einen Artikel über die seit 2010 begrünte Fassade der Wiener Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, laut „brand eins“ ist die „blühende Behörde“ eine „neue Attraktion“ in Österreichs Hauptstadt.
Das auch MA48 genannte Gebäude steht inmitten eines dicht besiedelten Stadtteils an einer Straßenkreuzung und verfügt über etwa 850 Quadratmeter Fassade. Als diese vor wenigen Jahren saniert werden musste, entschieden sich die Verantwortlichen nach langen Diskussionen, die Fassade zu begrünen.

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Pilotprojekt Grüne Fassade auf der Zentrale der MA 48
Copyright: Christian Houdek / PID

Vor der Fassade wurden in etwa fünf Zentimetern Abstand Hunderte mit Pflanzen bestückte Aluminium-Behältnisse angebracht. Die Wasserversorgung erfolgte anfangs manuell, was schließlich auch zum Absterben der Pflanzen im Winter 2011 führte. Die Haustechnik-Kollegen dort hatten nicht bedacht, dass die Pflanzen trotz des Winters mit Wasser versorgt werden müssen. Eine teure Nachpflanzung war nötig.

Das Projekt wird von den Befürwortern der Behörde und der betreuenden Forschungsabteilung der Universität Wien natürlich sehr gelobt, vor allem wegen der guten Klimatisierung der Fassade. Im Hochsommer, als man am Nebengebäude 40 Grad Celsius maß, punktete die Fassade der MA48 mit 28 Grad Celsius. Im Winter konnte sie etwas von der Kälte abdämpfen. Grund für diese natürliche Dämmung ist das Luftpolster zwischen der Wand und den Pflanzgefäßen. Einen genauen Energiesparwert können die Wiener leider nicht angeben, da das Gebäude nur an die zentrale Gasuhr des Abfallwirtschaftsgeländes angeschlossen ist.

Im Internet habe ich mich noch ein bißchen über das Projekt belesen, trotzdem bleiben Fragen unbeantwortet:

  • Ist der Wasserverbrauch von 1,8 Kubikmeter pro Tag für die Wasserversorgung der Pflanzen gerechtfertigt?
  • Warum hat man nicht auf das seit den 1980er Jahren bewährte Konzept zur Fassadenbegrünung des Franzosen Patrick Blanc zurückgegriffen? Die Bepflanzung erscheint bei ihm homogener, der Dämmeffekt dürfte der gleiche sein.
  • Wenn die Wiener so lange über die Art der Fassadenrenovierung gegrübelt und diskutiert haben, warum haben sie nicht einen gebäudeeigenen Gaszähler installieren lassen, um die langfristigen Wirkungen auf die Energieverbräuche erfassen zu können?
  • Die Herstellung von Aluminium ist wegen der damit verbundenen Schädigung der Umwelt sehr umstritten, so entstehen beim Abbau des Erzes Bauxit Rotschlämme, für die Schmelze wird enorme Energie benötigt. Warum hat man in Wien ausgerechnet auf dieses Material zugegriffen?
  • Warum hat man Kräuter in die Aluminiumgefäße gepflanzt? Die Giftigkeit des Materials wird international diskutiert. Es besteht also sogar eine latente Gefährdung der Mitarbeiter, wenn diese sich beispielsweise für ihren Mittagspausensalat ein paar Kräuter zupfen würden.

Sicher hat diese Art der Fassadengestaltung ihre Vorteile, doch in Wien scheint die Variante unausgegoren.

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