Was’n das?

Eine Woche mal nicht in den Garten geschaut und schon wächst zwischen Buchsbaumstecklingen und Veilchen etwas, das nun nicht gerade ungefährlich aussieht. Man ahnt schon: Eine Blume für die Vase kommt da nicht zum Vorschein, mit spitzen, gezackten Blätter und einer sich aus dem Stängel herausschraubenden Blüte.

Ein paar Minuten im Internet herumgesucht und schließlich herausgefunden – der Gemeine Stechapfel ist in unserem Garten gelandet. Oder? Ich denke, er ist es. Giftig von oben bis ganz unten, bis zur Wurzel nämlich! Also muss er raus und wird unseren Garten wieder verlassen. Darf man eigentlich so eine hochgiftige Pflanze auf den Kompost geben? Die Wärme dort müsste ja diese toxischen Verbindungen zerstören, oder? Chemie war nie mein Fall…

Erschreckendes Kompliment!

Plötzlich war sie da: schwarz, groß, brummend.

In der Nähe unserer Wicken flog sie vor ein paar Tagen dick und schwer in Brusthöhe umher, labte sich an den Blüten dieser Schmetterlingsblütler und erschreckte uns mit ihren „Angriffsflügen“ nicht wenig.
Es ist die Große Holzbiene, in Deutschland selten anzutreffen. Sie nistet an sonnigen Plätzen in Totholz und ist drei Zentimeter groß. Ehrlich gesagt kommt sie uns größer vor – dieses Insekt überragt Hummeln, Bienen und Wespen deutlich! Und diese Körperfarbe wirkt tatsächlich sehr bedrohlich, denn die Holzbiene ist tiefschwarz (für Insider: Passt ja zu uns), nur manchmal schimmern die Flügel im Sonnenlicht blau.

Die Große Holzbiene steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten, insofern ist ihr Dasein in unserem Garten – gestern war es sogar ein Pärchen – doch ein Kompliment. Willkommen also, Du Große Holzbiene.

Flaches Land

Jetzt lasst mich mal Klartext sprechen. Halle an der Saale hat in Mitteldeutschland nicht sooooo einen Wahnsinnsruf. Manche nennen es Hölle an der Saale, andere wortspielen „Halloren, Hallenser, Halunken“. Erklären kann ich mir das zwar nicht genau, muss aber leider sagen, dass die Gegend von Halle erobert werden möchte, sprich: Sie gibt sich dem Betrachter nicht freiwillig hin. Er kutscht über Autobahnen und Bundesstraßen durch plattes Land, vorbei an einzeln stehenden Gehöften; architektonische Meisterleistungen reihen sich nicht gerade nahtlos aneinander und die Menschen sprechen seltsam, wobei „mer nichjenau saachen gann wie eijentlich“.

Und trotzdem lohnt sich das Suchen nach den Perlen in und um Halle an der Saale. Ein dem Gatten und mir mittlerweile vertrautes Ziel nahe Halle ist das Renaissanceschloss Dieskau, an das sich ein wunderschöner klassizistischer Landschaftspark anschließt, der leider wohl vielen unbekannt ist. Vielleicht auch deshalb liegt über dem Ort meist eine friedliche Stille, nur unterbrochen von freilaufenden gackernden Hühnern mit Hahn.

Die Zufahrt zum Schloss säumt links ein formales Buchsbaumparterre, ausgefüllt mit Kräutern und Blühpflanzen, und rechts an der Mauer wächst es recht bäuerlich vor sich hin, z. B. mit Malven.

 

In einem höher gelegenen Teil, auf dem auch die barocke Dorfkirche und das Pfarrhaus zu finden sind, liegt ein weiterer Kräutergarten, eingefasst von Buchsbaumhecken. Bei unserem Besuch befand sich der Garten, der zum Schloss gehört, in einem recht kläglichen Zustand, gleichwohl die Struktur noch gut erkennbar war.
 

 

Geht man um das Schloss herum, eröffnet sich alsbald die wirklich beeindruckende Blickachse, die von der ruinösen Orangerie über ein rundes barockes Buchsbaumparterre und über die Rasenfläche bis zu alten Baumriesen und dem rekonstruierten Fundament des Teehauses reicht.

 

 Ein Pumpenhäuschen kann schön aussehen.

 

Das Café bietet ausnehmend wohlschmeckenden Kuchen an.
Unbedingt hineinschauen, denn dort wurde bereits restauriert und das wirklich ausgezeichnet!

 

Johann Gottlieb Schoch, gerade 20 Jahre alt, erhielt den Auftrag zur Anlage des Parks. Das war 1778. Ob diese riesige Platane noch aus der Anfangszeit stammt? Sie ist wunderschön.

Die Reide-Aue ist Teil des Landschaftsparks und so überquert der Besucher immer wieder kleine Brücken. In der Ferne leert Flora ihr Füllhorn aus.

Stundenlang kann man in westlicher Richtung um den Park wandern, durchquert den romantischen Erlenbruch, kommt an verschiedenen Teichen vorbei. Und entdeckt zum Beispiel den Lyrischen Baumkreis, der den Besucher spätestens an dieser Stelle des Rundwegs in das 18. Jahrhundert versetzt. Mit derart poetischen Worten spaziert es sich gleich noch einmal viel leichter.

 

 

 

Nicht fotografiert habe ich eine Skulptur aus dem Jahr 2006. „Osttor“ von Jörg Bochow steht auf dem Pfingstanger und erinnert an die ehemals im Park befindlichen asiatischen Bauwerke, wie das Teehaus und die Bogenbrücke. Die Glocke am „Osttor“ kann der Spaziergänger schlagen und obwohl dieses Fleckchen Erde recht versteckt liegt, erhört man beim Durchwandern des weitläufigen Geländes immer wieder den metallisch-tiefen Glockenton.
 
Auch südöstlich des Schlosses dehnt sich der Park aus und man stößt auf so etwas:

 

und so etwas:

 

Der Gatte hat mehrfach versucht, den Laubfrosch beim Springen zu fotografieren (und sah dabei selbst wie ein hüpfender Frosch aus) und das ist das beste der vielen Fotos geworden.

Beim Verlassen des Schlossgeländes machte mich der Blick in jenen Garten neugierig:

Den Bogen aus einem Nadelbaum und dem Nordamerikanischen Trompetenbaum fand ich schön angelegt, die Beete waren in guten Zustand und alles sehr nett dekoriert. Auch zwei äußerst blühfreudige Clematis begeisterten den Gatten und mich.

 

 

Leider habe ich noch nicht ergründen können, wer die freundliche Gärtnerin war und kann nur vermuten, dass es die Pfarrersfrau war.
Ein Tipp ist der Dieskauer Sommer, der an den Sommersonntagen die Barockkirche mit verschiedenen Klängen füllt.
Und ein Tipp ist es überhaupt, dieses Dieskau. Bei Halle an der Saale.

 

Gärtnerfreuden…

… mal anders. Beim Tag der offenen Gartentür in Delitzsch und Umgebung wurden über 1100 Euro für die vom Hochwasser Betroffenen in Löbnitz gesammelt. „Meine“ Gärtner, also die Teilnehmer des Tags, haben ganz viel Werbung für die Aktion gemacht, Kuchen gebacken etc. Es war wirklich toll! Dank dem Mitteldeutschen Rundfunk, der im Radio und beim Sachsenspiegel berichtet hatte, meldete sich im Nachgang noch eine Familie, die mittlerweile 2000 Euro nach Löbnitz gespendet hat. Wunderbar, oder?

Wenn Schauen hilft…

…ist Tag der offenen Gartentür in Delitzsch.

Stellt Euch vor, Ihr wohnt in einer Stadt, um die herum fast alle Städte und Dörfer in braun-schlammigen Hochwasserfluten versinken, aber Eure Heimatstadt bleibt trocken.

Stellt Euch vor, da werden in 15 Kilometern Entfernung Gärten, Erinnerungen, Tiere weggespült. Was unten war, ist oben. Und was grün war, ist braun.

Stellt Euch vor, Ihr organisiert den Tag der offenen Gartentür, der in dreizehn Tagen stattfinden soll, eben in dieser „Inselstadt“.

So ging es mir am Montag, als in Eilenburg und Bad Düben das Muldewasser bis zur Oberkante Unterlippe schwappte. Da saß ich in einer Pressekonferenz Umweltminister, Landrat und Polizeihäuptling gegenüber und sie sagten Sätze, wie „Das wird schlimmer als 2002.“, „Wir müssen evakuieren.“, „Zwangsevakuierungen hat es nicht gegeben. Noch nicht.“
Der Polizeihäuptling kam gerade aus Grimma, wo er schon 48 Stunden im Hochwasser-Déjà-vu steckte. Heulte, weil er dachte, dass er nie wieder ansehen muss, wie diese so schöne Stadt untergeht. Und ihn die Mulde doch dazu zwang.

Stellt Euch vor, Eure Kollegen wohnen in Häusern, die überflutet werden. Die nach oben geräumten Möbel sind vielleicht trocken geblieben, aber dieser Schlamm, der Geruch nach feuchter Erde… Zwangsevakuierung. Nun doch. 30 Minuten, um ihre Sachen zu packen (was „packt“ man da?) Nicht wissen, ob sie ihre Heimat je so wiedersehen werden.

Stellt Euch vor, in einem anderen Bundesland, aber doch nur zehn Kilometer entfernt, droht ein riesiger See mit einem einzigen Schwapp eine Stadt zu fluten. In der Stadt haben Eure Eltern früher ihre Berufsausbildung gemacht, dort habt Ihr ebenfalls Kollegen und Freunde.

Und da sollte ich über den Tag der offenen Gartentür nachdenken? Denken ging nicht! „Was, Du denkst im Ernst drüber nach, die Veranstaltung abzusagen?“ JA. JA. JA. Immer wieder! Was sollen sich hier die Menschen gegenseitig ihre Horte der Glückseligkeit angucken, wenn drumherum so eine Scheiße passiert?

Die einzige überhaupt in Betracht kommende Variante war und ist, in den Gärten Spenden zu sammeln. Und das machen wir jetzt. Ich teile Spendenbüchsen aus und wir reichen das Geld 1 : 1 weiter an die unweit liegende Gemeinde Löbnitz. Ein schlechtes Gewissen bleibt.

Ich patze Menschen an, Frager.
Eine Spendenbescheinigung bekommen die dann wohl nicht?“ – „Wer solln die ausstellen in den Gärten? Es jeht doch um die Kohle für Löbnitz. Keine Bescheinigung, nur Vertrauen! Tschüss!“
Ob du das so einfach machen kannst? Ich weiß ja nicht! Das musst Du doch anmelden?“ – „Mensch, da fraach ich doch nich noch rum, ey. Boxen aufgestellt, Geld rein, Geld raus und nach Löbnitz überwiesen.“
Wie soll denn das laufen? Hast du Dir das mal überlegt?“ – „Nein. Das kriegen wir schon hin, wir Gärtner!“

Leute, wenn Ihr in der Nähe wohnt, kommt am 16. Juni von 13 bis 17 Uhr nach Delitzsch.

Schaut Euch Gärten an und helft. Spendet!